Geschichte

Interview mit der Mutter eines Kindes, das Mitte der 80er Jahre Frühförderung bei uns hatte

Es ist sehr lange her, dass damals die einzige Frühförderin der Frühförderung Norderstedt das erste Mal bei Ihnen vor der Tür stand. Wissen Sie noch, wann das war?
Ja, das war im Oktober 1999. Unsere Tochter Anne war zu dem Zeitpunkt 1 Jahr und 8 Monate alt.

Wie haben Sie damals von der Frühförderung erfahren?
Durch die Krankengymnastin im Cordt-Buck-Weg, denn dort war damals auch die FrühfördersteIle.

War es schwierig, die Frühförderung zu bekommen, mussten Sie viele Anträge stellen, Telefonate führen usw.?
Nein, zum Glück gar nicht, ich musste nur den Bewilligungs-Antrag unterschreiben, alles weitere hat die Frühförderin in die Wege geleitet.

Erinnern Sie sich an den ersten Hausbesuch der Frühförderin?
Das ist natürlich schwierig nach so langer Zeit, aber ich weiß noch, dass dieser Schritt schwer war für uns. Dadurch wurde er sozusagen „amtlich“, wir hatten ein behindertes Kind. Dazu kam, ich wollte meine Tochter nicht loslassen, sie immer gut behüten, mir nichts aus der Hand nehmen lassen. Wir waren abwartend und skeptisch, konnten uns nicht so recht vorstellen, was es bringen könnte. Trotzdem entschieden wir uns für den Versuch der Frühförderung, weil wir auch nichts versäumen wollten.

Wie war das damals?
Am Anfang war es so, dass die Frühförderin mindestens zu 50 % für mich da war. Sie konnte gut zuhören, meine Sorgen und Fragen aufnehmen und zum Teil weitergeben, Kontakte vermitteln, usw.

Ganz toll war für mich ihre Begeisterung für meine Tochter, sie machte uns immer wieder auf ihre positiven Seiten aufmerksam, betonte, was sie alles schon gelernt hatte. Es war wohltuend, so viel Schönes über meine Tochter zu hören, gerade zu diesem Zeitpunkt, wo alle Welt nur auf ihre Defizite schaute.

Wie liefen die Besuche konkret ab? Waren Sie bei der Förderung dabei? War Gelegenheit und Raum für Gespräche?
Die Frühförderin kam immer mit einem Riesenberg Beschäftigungsmaterial, um auszuprobieren, was meine Tochter interessiert: Was macht ihr Spaß, was tut ihr gut?

Ich fand die Materialien zum Teil erst mal mindestens befremdlich, wenn nicht sogar nervend (wie z.B. Überlebensfolie oder elektrische Zahnbürste). Aber letzten Endes habe ich dadurch viele Anregungen bekommen, die ich in den Alltag übernehmen konnte.

Bei der Frühförderung war ich immer dabei. Wenn meine Tochter ihre Pausen brauchte, hatten die Frühförderin und ich Gelegenheit, zu sprechen. Die Frühförderin bezog auch die Geschwister ganz toll mit ein, wenn sie da waren, so dass sich neue Kontaktmöglichkeiten ergaben für die Kinder untereinander.

Woran erinnern Sie sich am meisten in der ersten Zeit mit der Frühförderin? Was war das Wichtigste für Sie?
Die Frühförderin kam zu einer ganz entscheidenden Zeit. Meine Tochter, die seit ihrem 9. Lebensmonat BNS-Krampfe (Epilepsie) hatte, bei der alle Medikamente versagt hatten, war zum ersten Mal anfallsfrei (bedingt durch die „Keto-Diat“, die Fett- und Eiweißreich eine Stoffwechsel-Obersauerung bewirkt, dabei sehr Kohlehydratarm ist). Mein Kopf war voll durch die Auseinandersetzung mit dieser Diat, mit Kontakten deswegen. Der Pflegeaufwand für meine Tochter war sehr groß z.B. dauerte das Füttern jeweils mindestens eine Stunde. Es gab viele Probleme mit unseren beiden älteren Kindern, und, und…

Was hat Ihnen die Frühförderung gebracht im Nachhinein? Was würden Sie sagen?
Wir hätten unsere Tochter nicht so schnell loslassen können, hätten vielmehr gezögert, sie in die Spielgruppe und später in den Kindergarten zu geben.

Wir haben gelernt, ihre positiven Seiten zu sehen und mit einem guten Gefühl „Ja“ zu ihrer Behinderung zu sagen, und sie mit ihrer eigenen Persönlichkeit, ihrem Charme und ihrer Fröhlichkeit wahrzunehmen. Es ist toll, wenn andere einem Mut machen. „Klar, das schafft Ihre Tochter schon“!“

Durch das Nachfragen der Frühförderin: „ Wie sieht’s mit dem Familienleben aus, wie ist es für die Geschwister?“ haben wir aber auch wieder mehr das Ganze gesehen, nicht immer nur auf unsere Tochter geschaut, sondern auf die ganze Familie und auch auf uns selbst.